WHILE WALKING. Bettina Willnauer

 

 

16. Mai - 25. Juli 2026

 

Opening.

16. Mai 2026 | 11 - 15 Uhr

 

Galerie Sophia Vonier, Salzburg

  

Das Gehen ist bei Thomas Bernhard nie bloß Fortbewegung, sondern eine Denkform. Schritt für Schritt entfaltet sich ein innerer Monolog, der sich an der Bewegung entzündet, sich steigert, ins Stocken gerät und wieder neu ansetzt. Spazieren bedeutet bei ihm, sich der Welt auszusetzen und sich zugleich von ihr zu entfernen. Es ist ein rhythmischer Prozess zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Eine ähnliche Unterscheidung formuliert Francis Alÿs: „A journey implies a destination, so many miles to be consumed, while a walk is its own measure, complete at every point along the way.” 

 

Die Ausstellung While Walking von Bettina Willnauer in der Galerie Sophia Vonier in Salzburg knüpft an diese Denkfigur an und übersetzt sie in textile Bildräume. Ihre handgetufteten Wandarbeiten entstehen nicht aus einem festen Bildkonzept heraus, sondern entwickeln sich prozessual. Ausgangspunkt sind Zeichnungen oder lose Skizzen, die im Verlauf des Arbeitens transformiert werden. Mit der Tuftingmaschine, einem Werkzeug, das an eine elektrische Nadel erinnert, schießt die Künstlerin Wolle in ein gespanntes Trägermaterial, zumeist Mönchstuch. Gearbeitet wird auf der Rückseite, während sich das Bild auf der Vorderseite spiegelverkehrt formiert. Dieser Umstand erzeugt eine produktive Verschiebung zwischen Intention und Ergebnis, zwischen Kontrolle und Offenheit. Das Verfahren des Tuftings ermöglicht eine unmittelbare, fast gestische Arbeitsweise. Farbe wird nicht aufgetragen, sondern in den Stoff eingeschrieben. Schicht um Schicht verdichten sich Fäden zu weichen, reliefartigen Oberflächen, die zwischen Bild und Objekt schwanken. Obwohl diese Arbeiten technisch nicht gewebt sind, werden sie im erweiterten Sprachgebrauch mitunter als Tapisserien bezeichnet.

 

Bettina Willnauers Praxis lässt sich als ein „Malen mit Wolle“ beschreiben. Sie arbeitet überwiegend mit Schafwolle, deren Materialität den Prozess prägen. Die Fäden sind nicht nur Träger von Farbe, sondern auch von Struktur, Rhythmus und Bewegung. Die entstehenden Oberflächen besitzen eine haptische Qualität, die das Sehen in ein beinahe körperliches Erfahren überführt.

In ihren Bildwelten verschränken sich Beobachtungen des Alltäglichen mit imaginativen, traumartigen Elementen. Während des Gehens, so scheint es, lösen sich feste Grenzen auf: Realität und Fiktion beginnen ineinander zu fließen. Vögel, Pflanzen, Tiere, menschliche Figuren und Fragmente von Landschaften tauchen auf wie Erinnerungen oder Projektionen. Es sind Verdichtungen von Wahrnehmung, Momentaufnahmen eines Bewusstseins in Bewegung. Schuhe, die Wege durch Städte markieren, Tiere, die als Begleiter oder Gegenüber erscheinen, Pflanzen und Pilze, die sich ausbreiten und Räume durchdringen, all dies formt ein offenes dynamisches Gefüge. 

Formal erinnern die Arbeiten an kartografische Strukturen oder kosmische Ansichten zugleich. Kugelartige Formen, organische Linien und farbintensive Flächen überlagern sich zu vibrierenden Kompositionen. Die Wandarbeiten wirken wie Fenster in eigenständige Bildräume, in denen sich Tiefe und Oberfläche, Nähe und Ferne verschieben. 

 

Eine wichtige Referenz bildet die textile Praxis der schwedisch-norwegischen Textilkünstlerin Hannah Ryggen (1894 – 1970), deren Arbeiten das Medium des Gewebes als Träger von Narration und Haltung etablierten. Während Hannah Ryggen in ihren Bildteppichen politische und gesellschaftliche Inhalte verhandelte, interessiert sich Bettina Willnauer stärker für die poetischen und wahrnehmungsbezogenen Dimensionen des Textilen. Dennoch verbindet beide eine Auffassung von Textil als eigenständige Bildform, die sich zwischen Kunst und Handwerk, zwischen Tradition und Gegenwart positioniert.

 

While Walking  entfaltet sich als eine Ausstellung über das Unterwegssein, ein visuelles Wandern entlang von Linien, Farben und Strukturen. Ein Gehen, das nicht ankommt, sondern fortwährend neue Räume eröffnet. Ein Denken in Bewegung, das sich in Fäden einschreibt und als Bild wieder sichtbar wird.

 

 

Text: Barbara Horvath

 


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